Vor-Beuge...
...ist besser, als nach hinten zu fallen
Reportagen

 


Ayurvedakur Indien Februar/März 2009, Mangarai bei Coimbatore, Tamil Nadu, Südindien



Aufbruchstimmung (Do., 19.2.)

 

Im Spiegel schaut mich einer an, der seit vier Uhr dreißig auf ist. Unrasiert, kleine Augen und glücklich sieht auch anders aus. Um halb acht geht der Flug. Oder die Tortur? Torte wäre mir jetzt lieber. Aber das gibt es hier nicht in der Vorhölle. Draußen ragt ein Rüssel in das Flugzeug und schnüffelt alle Passagiere auf, die da gekommen sind. Und ihre Plastiktüten und Appelgriepsche. Auch die vergessenen Magazine und Handtaschen. Den Paß mit dem bunten Visum für Indien habe ich wieder eingepackt.

Ich will da jetzt nicht wirklich hin. Mich interessiert nur der inhaltliche Teil. Erstmal. Nur die Kur. Und erfahren möchte ich sie. Am eigenen Leibe. Ja und jünger werden will ich dadurch auch. Es gibt da alte Geschichten von alten Herrschern, denen eine junge Prinzessin zur Seite gegeben wurde. Und diese junge Frau hat dann ob des greisen Anscheins ihres neuen Lebensgefährten einen Ayurveda-Arzt gebeten, das dann mal zu korrigieren, zu verschönen, in Funktion zu halten, zu verjüngen. Seine Majestät ging dann für sechs Monate zur Kur und anschließenden Regeneration. Dabei wurden in aller Gründlichkeit die Gewebe gelöst, geschmeidig gemacht, die Minerale wieder aufgefüllt und einiges mehr. Man sagt, der Körper hätte um mehr als 20 Jahre jünger gewirkt danach. Die Prinzessin jedenfalls muß zufrieden gewesen sein und schenkte ihm viele junge Helden.

Mich schickt grad keine Prinzessin und um Helden geht es auch nicht. Aber jung, schön, knackig… Mal sehn, was der Spiegel bei der Rückkehr erzählen wird. Falls ich den vor lauter Prinzessinnen überhaupt sehen kann.

Den Arzt kenne ich noch nicht, seine Adresse wurde mir von einem vertrauten indischen Freund genannt. Das wird spannend! Ich habe bei einem gearbeitet, der mit Multipler Sklerose erfolgreich therapieren kann. Ich weiß, was eine gute Konsultation ist, wie eine Massage sein sollte. Weiß ich das wirklich? Zumindest glaube ich es. Und mit solchen Gedankenspielen sitze ich nun hier in Tegel beim Abflug. Wenn es da nun nicht sauber ist? Oder wenn der Arzt nicht genau genug ist? Oder der Masseur so luschig rumölt? Dann steh ich auf und gehe! Wohin? Zum nächsten? Ich werde sehen.

Gleich steige ich ein. Nach London und von dort nach Mumbai. In Coimbatore bin ich morgen früh. 36 Grad. Fünf Wochen lang. Ich freu mich denn doch darauf…

 

 

 

 

Ein Jahr lang habe ich gespart. Mir nichts gegönnt. Kein Auto, kein Bus, nichts. Ich bin immer mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, bei Sturm und Regen, Gewitter und Schnee und auch bei Sonnenschein. Alles wegen dieser Kur. Eine Auszeit für mich. Zwei Monate frei. Der Vertrag lief eh aus, Veränderungen stehen an, und fünfzig bin ich auch grad geworden. Aber warum nun grad eine Kur und das in Indien? Und mit einem gesunden Kerl?

Weil ich Glück habe. Das Glück, irgendwann mitten im Leben eine berufliche Vollbremsung mit anschließendem Kurswechsel erlebt zu haben. Aus dem Bauch heraus spürte ich, wie ein Vertriebsingenieur keine Erfüllung mehr fand und mein Hobby, oder besser - meine Leidenschaft um Raum in meinem Leben bat. Yoga-Lehrer war ich bereits, und ich lernte weiter, bis ich Zertifikate bekam, auch als Personaltrainer, Ayurveda-Therapeut und manches mehr. Heute bin ich kassenzugelassen im Yoga. Mittlerweile durfte ich bei indischen Ärzten in Deutschland arbeiten und bekam einen guten Einblick. Ayurveda ist ja weit mehr, als darüber bekannt ist. So habe ich erlebt, wie sich Menschen nach zehn Tagen ayurvedischer Massagen fühlen. Oder nach 45 intensiven Tagen ununterbrochener, stationärer Behandlung. Was muß ich noch viel erzählen – ich wollte das einfach auch einmal haben.

An sich bin ich gesund. Bei unserer Lebensweise wird der Körper jedoch arg strapaziert. Bis sich Symptome zeigen. Im Westen nimmt man dafür Pillen und die Symptome gehen weg. Oft müssen die Pillen dann dauerhaft genommen werden, zum Beispiel bei Heuschnupfen oder Diabetes. Ayurveda sucht wie die meisten Naturheilverfahren nach den Ursachen und beseitigt dort gründlich. Ohne Nebenwirkungen und sehr weitgreifend. Auch die Diagnose ist sehr tief gehend. Bei mir gibt es durchaus Symptome, die nicht kompliziert sind, doch sie sind da. Zum Beispiel das Nasenbluten morgens. Ich habe es abgetan, mich seit zwanzig Jahren daran gewöhnt. Aber als normal kann man es nicht bezeichnen. Daß wir Männer früher meist viel weiter pinkeln konnten als heute, wie ich mit fünfzig, das ist nicht neu, wird aber ungern erwähnt. Doch die Prostata ist nun mal ab 40 mitunter vergrößert und muß gereinigt werden. Bei der Konsultation, also dem Untersuchungsgespräch mit Puls-, Zungen- und/oder Iriskontrolle ergeben sich dann noch Zusammenhänge, auf die keiner kommt. Auf jeden Fall verschieben wir unseren Gesundheitscheck immer weit nach hinten. Der Job, die Zeit, irgendetwas steht immer im Wege. Bis eines Tages der Systemausfall von uns mehr Zeit erzwingt, als wir je aufwenden wollten. Also eine zusätzliche Systemkontrolle bei mir. Das Gute ist, daß es keine Hiobsbotschaften gibt. Während uns der Mediziner zuhause mit der Diagnose „Sie haben Krebs.“ schockt, sagt der Ayurvedi „Ihre Bioenergien sind nicht in der Balance, wir werden das korrigieren.“ Motivation gehört zum Heilerfolg.

Ein weiterer Grund ist für mich das Lernen. Ich  bekomme manches erklärt, kann hinterfragen und so für mich selbst auch den weiteren Weg herausfinden. Als Deutscher bin ich nunmal kein Inder, nicht mit den Grundprinzipien des Ayurveda aufgewachsen und kann eben nur die Elemente in meine Praxis einbeziehen, die sich einfach erfassen lassen. Als späterer Heilpraktiker wird mir dieses Wissen sehr helfen.

Den Tipp habe ich natürlich von meinen indischen Freunden bekommen. In diesem Falle kein geringerer als Dr. Vinod, der im Taj-Hotel in Mumbai – es war im Dezember 2008 durch die Terroranschläge in den Medien – SPA-Manager ist. Er nannte mir drei ihm persönlich bekannte Ayurveda-Ärzte, wo nicht Wellness für Touristen angeboten wird, sondern klassische Behandlungen gegeben werden. So kam ich zu diesem Krankenhaus und Ausbildungs-Campus mit eigener Herstellung der Medizin. Das Haus befindet sich ganz im Süden in Indien. Coimbatore gehört zu Tamil Nadu, es grenzt an Kerala. Nicht nur die moderne Ayurvedalehre kommt aus Kerala, sondern auch viele Therapeuten hier.

Bis auf die Flugkosten habe ich das Ganze eigentlich gut arrangiert. Ich sah später bessere Verbindungen nach Coimbatore und habe nun auch Kontakt zu einer Gesellschaft, die mir in der Gruppe passable Konditionen anbot. Nur war ich allein und zahlte 900 Euro für den Flug mit British Airways. Dafür eine zuverlässige Verbindung. Die Behandlung selbst ist günstig hier, um die 55 Euro pro Tag mit dreimal Essen, eine Behandlung, Arztgespräche wann immer gewünscht, Übernachtung einzeln oder zu zweit sowie alle Medikamente und Öle. Im Vergleich dazu zahle ich in Deutschland über 200 Euro pro Tag plus Kost und Logis. Und schnell sind zehn Tage um. Ich habe hier 35 Tage und werde den Erfolg noch ein ganzes Jahr lang physisch und mental spüren! Das ist Lebensqualität. In Würde später einmal den Ruhestand genießen, ohne alle Stunde vier Pillen einwerfen zu müssen, abhängig statt selbstbestimmt zu werden und sich dann irgendwie durchzuquälen, bis Freund Hein endlich kommt… Das ist es mir wert! Und im nächsten Jahr komme ich wieder her. So ein Gefühl von Kraft und Lebensfreude gibt mir ein Urlaub auf den Malediven nicht…

 

 

Zappelautos (Sa., 21.2.)+

 

Vierzig Grad Temperaturunterschied. Aber ich hab es ja so gewollt. Dabei ist es nicht schwül, im Gegenteil, eher klappern hier die Nasensteine. Vergessen ist das Enteisen der Tragflächen vor dem Abflug. Ich hatte große Befürchtungen vor Coimbatore als einer lauten Stadt. Und dann sind vielleicht auch noch die Behandlungsräume gleich zur Kreuzung hin gelegen. Na das wäre es gewesen…

Ein ganz großes, schön gemaltes Schild mit meinem Namen empfängt mich in einem üppigen Menschenspalier, das mir für dieses Flugzeug doch recht zahlreich erscheint. Seid ihr alle wegen mir hier? Aha, da sind die beiden Männer zu dem Schild. Kurz aber freundlich ist die Begrüßung und dann werde ich mit einem Jeep durch den Tumult gebracht, der hier Stadt genannt wird. Beschreibungen zu indischen Städten und dem Straßenverkehr gibt es sicher genug. Am liebsten möchte ich ganz schnell raus aus dem Gehupe, Gedrängel und Gezappel. Dabei bemerke ich die Harmonie von chaotischem Verkehr und völliger Gelassenheit all der nicht hupenden Menschen, die gelassen in ihren Läden stehen, als wäre da um sie her tiefer Frieden. Ja, so ist Yoga, wenn man ihn verinnerlicht hat: Meditation mitten auf der Kreuzung. Die Kühe zumindest tun das. Nur nicht im Lotussitz.

Meine Wünsche erfüllen sich heute alle. Die Klinik liegt weit draußen im Land, am Fuß eines kleinen Gebirges mit sehr schönen Formen. Es ist grün und auch etwas staubig vom relativ trockenen Boden. Wir haben die Straße verlassen und rumpeln nochmal dichter auf die großen Zehen der Berge zu. Ein großzügiges Anwesen mit Park, Gärten, ein paar Häusern, über deren Türen unter anderem Pharmacy, Cantine und Prayers Room geschrieben steht. Dort wartet Dr. Chacko bereits. Er bittet mich gleich in sein Büro und wir haben einen schönen Plausch, um uns bekannt zu machen. Er macht sich schon ein generelles Bild von mir. Den Puls braucht er heute nicht zu lesen, da kommt nichts bei raus. Mein ganzer Körper dröhnt noch vom Fliegen und da würde er höchstens die Drehzahl der Turbinen rauslesen. In der Nacht mußte ich in Mumbai sieben Stunden wartend durchhalten, ich bin einfach müde jetzt.

Doch für die Behandlung ist erstmal alles klar.
Der Arzt ist ein angenehmer Mensch. Ein gesund und zufrieden aussehender Mann von 55 Jahren. Er ist Medical Doctor mit Fachgebiet Ayurveda. Das bedeutet, daß er klassisch Medizin studiert und dann in Ayurveda vertieft hat. Besonders Pflanzenheilkunde sei schon immer sein Hobby gewesen. Daraus hat sich dann hier vor dreißig Jahren eine Klinik entwickelt, in der Medizin und medizinierte Öle und Präparate hergestellt werden, Patienten therapiert und Ärzte aus- und weitergebildet werden.

Er bringt mich in ein Haus mit großem Innenhof, wo ich bis Ende März mein Zimmer habe. Der Eingang ist vom Hof her, es ist still, ein paar Bäume und Pflanzen, Kühle. Das Bett ist schön hart. Alles picobello sauber, Dusche und europäisches WC.

Und nun ist ab heute Rasieren und Haareschneiden verboten. Um den Körper nicht durch eventuelle Wunden in seiner nötigen Kraft zu schwächen. Morgen geht es los.

 

 

Montag, 23. Februar 2009

Ganz früh bin ich immer schon draußen. Vor um sechs, wenn es noch dunkel ist. Oben, auf der Dachterrasse. Eine Yogamatte haben sie mir hier gegeben, dazu nehme ich Decke und Pullover mit. Es ist nicht kalt, vielleicht 20 Grad. Die Luft ist unbeschreiblich. Zuerst mal ist sie richtig süß, trägt den Duft einiger Blüten. Und leicht feucht und sehr präsent ist sie. Ich wünsche mir Lungen wie Scheunentore und beginne meine Atem- und Yogaübungen. Mittenrein fangen zwei alte Weiber an zu tottern und die eine lacht sich lauthals schlapp, daß ich mitlachen muß. Es sind zwei Vögel, die da kommunizieren. Dazu spielt ein dritter Piepmatz ein Didgeree Doo. Es ist köstlich! Aus den Wäldern der Berge ringsum kommt das Hintergrund-Orchester.  Ist das nicht ein schöner Tagesbeginn?

Jetlag scheint es nicht zu geben, ich schlafe bestens. Dafür gibt es gleich um acht ein kleines Frühstück, eine Schale Reissuppe und eine kleine Schale gedünsteter Möhren, ersteres ohne, letzteres mit Gewürzen. Dazu Masala-Tee. Masala heißt nichts weiter, als daß es ein Gemisch ist. Das Essen ist abgestimmt auf den jeweiligen Gast.

Meine Behandlung ist im Moment immer nachmittags um drei. Da habe ich Zeit und kann mit dem Jeep nach Coimbatore mitfahren. Ich brauche etwas Geld für die Rechnung hier und möchte dazu auch ein wenig Leben schmecken.

Und so hupen wir los. Mit stoischem Gesicht. Es wird ganz knapp Vorfahrt gewährt und genauso knapp Vorfahrt genommen. Ohne böse Gesten, ohne zu schimpfen oder zu fluchen. Die meisten Manöver sehen haarig aus und ich denke, ohne Jeep könnten wir uns nicht so frech und zügig voran bewegen. In der Stadt ist das Haupthaus der Klinik, mit Krankenhaus und Uni. Die Verwaltung ist das Ziel, ich bezahle meine Rechnung. Einundvierzigtausend Rupies. Ein Euro sind etwas über 60 Rupies, Tendenz steigend mit jedem Tag. Dazu kommt noch eine Rechnung für das Wäschewaschen und weiteren Service am Ende des Aufenthaltes. Ich besuche die Bibliothek des Hauses und stöbere in den Naturheilbüchern. Zwei schreibe ich mir auf, werde den Doktor fragen, ob er sie mir besorgen kann.

Und dann gehe ich in die indischen Geschäfte. Nun bin ich ja kein so’n Konsumer, also schaue ich mal, was sie so tun und machen. Beim Schlendern werde ich von allen angesehen und gegrüßt, denn in diese Gegenden verirrt sich selten jemand und indische Menschen sind sowieso freundlich. Also nicht direkt mit offenen Armen, im Gegenteil, sie schauen schon an dir vorbei. Doch sobald du die Hand bewegst zum Gruß oder angedeutet zum Namastè dem Herzen näherst, hellt sich das Gesicht auf und irgendeine Form von Hallo kommt zurück.

Ich kann nichts finden, was mein Begehr wecken könnte. Klobürsten, Suppenschüsseln, Matratzen, Gummi-Brot und Konserven. Halt, doch – es duftet lecker! Und während ich hier in der Stadt bin, gibt es draußen in der Klinik grad Mittagessen und mein Bauch weiß das. Die Gerüche necken mich. Frisch gepreßter Saft, alle möglichen Pfannengerichte, Teigwaren und natürlich Süßes. Aber der Arzt hat ein Konzept für meine Kur und da werde ich nichts durcheinander bringen. Nur zu gut weiß ich, was passiert, wenn Kurgäste dem Plan nicht absolut folgen. Es wäre schade um die ganze Mühe, hier her zu kommen. Der Fahrer zeigt auf einen Stand mit Kokosnüssen. Willst du Saft trinken, fragt er mich. Nein, sage ich, Kokos kühlt, ich weiß nicht, ob das sein soll. Wir hupen uns zurück und kommen grad zu meiner Behandlungszeit an. Mein Mittag wartet lächelnd auf mich. Doch zuerst kommt die Massage. Und das möchte ich gern mal ganz ausführlich beschreiben. Denn es ist vom Feinsten. Es ist weit mehr, als ich erwartet habe. Und als Insider kann ich über Qualität und Nutzen durchaus mitreden. Morgen, ja?

 

 

Montag, 23.2.

Zum Campus gehört eine kleine Schule. Gut zwanzig Schüler zwischen sechs und vierzehn werden dort unterrichtet. Ein rundes Gebäude mit ein paar Räumen an der Peripherie und einem runden Raum in der Mitte. Genau dort wurde heute Shivaratri  zelebriert. Der Geburtstag von Gott Shiva. Es geht nicht so sehr darum, wie alt er wurde und ob das kalendarisch verbrieft ist. Vielmehr wird hier ein Aspekt angesprochen, der das Gesetz des Wandels und der ständigen Veränderung ausmacht. Es ist wie bei wohl allen religiösen Traditionen, manchen genügt der Zusammenhang zum Verständnis und manche möchten es handfest manifestieren.

Solche Zeremonien werden von einer Puja begleitet, einer Art Opferfest. Viele Mantras werden gesungen, was unserem abendländischen Gesang in der Kirche ähnlich ist. Jeder Teilnehmer geht dann nach vorn, nimmt aus einer Schale Blumen, aus einer weiteren Reis, gibt seine Wünsche dazu und legt es dann in eine Opferschale. Und das wird begleitet von Mantragesängen.

Es kamen auch Einwohner aus umliegenden Häusern, auch mit Kindern, die genauso an der Zeremonie teilnahmen. Und so konnte ich erleben, wie sich diese Tradition von klein an fortsetzt, wie ein Verständnis begründet wird, das in der ganzen Gesellschaft zum Teil ursächlich für viele Dinge ist. Ein Beispiel? Gern: Der Arzt hat heute entschieden, welche Medizin meine Kur begleiten wird. Und zu einer davon die Geschichte eines jungen Königs erzählt, der ständig Lord Shiva verehrte, in Mantras und Gebeten. Der Vater mochte das gar nicht und untersagte es. Ein Dämon war er. Und drohte eines Tags dem Sohn, ihn zu töten, wenn er noch einmal den Namen Shivas ausspricht. Sie stritten noch einmal darüber, wo denn dieser Lord sei und der königliche Sohn deutete auf alles Greifbare im Raum. Darauf nahm der dämonische Vater sein Schwert und zerschlug damit ein großes Kissen. Aus dem heraussprudelnden Inhalt kam eine Löwenmähne und ein Menschenkörper, halb Mensch, halb Löwe, und beseitigte den Dämon. Und diese Kraft des Löwen mit seinen vielen wilden Haaren steckt in der Medizin, die er mir hier verordnet. Damit mein Körper fest bleibt, Haare und Fertilität erhalten werden und das Herz gestärkt wird. (Ich hoffe, die Grenzer lassen mich Ende März wieder einreisen in Berlin…)

Und die Geschichte gehört für den Arzt ganz normal dazu. Eben unterhielten wir uns noch über Biochemie und Anatomie im Sinne klassischer Schulmedizin, und kurz darauf geht es mit den Göttern weiter. Auch er saß irgendwann mal als Knabe in so einer Zeremonie und wuchs damit auf, sog es mit der Muttermilch schon ein. Und ich beobachte, daß das ganze Leben scheinbar darauf aufbaut. In diesen Göttergeschichten erklärt sich alles irdische Leben und wird so als gegeben angenommen. Klaglos und in Demut.

An sich hätte ich gern auch mal ein Shivaratri in Coimbatore erlebt, doch das ist ein Riesenfest dort, die ganze Nacht hindurch wird gesungen, viele V.I.P.s sind angekündigt, unter anderem der Chef von Bollywood. Dr. Chacko hat ausreichend Schlaf angeordnet und letztenendes ist mir dieses Riesengedrängel auch zuviel. Ich bin nämlich etwas platt heute.

Bereits nach zwei Behandlungen spüre ich Veränderungen. Der Stoffwechsel verändert sich, ich gehe öfter und kräftiger Pieseln. Der Körper fühlt sich lockerer an. Und – ich habe zwei Kilo an Masse verloren.  Ich werde mal so eine Massage beschreiben zum Verständnis, was da abgeht. Aber heut nicht mehr. Es ist Bettzeit.

 

 

Ein schöner Morgen, mild, leicht kühle, frische Luft, dennoch so warm, daß ich von früh an in kurzem Hemd und Hose gehen kann. Das Haus wird langsam lebendig und das Frühstück wird serviert. Es wird ins Zimmer gebracht. Das soll verhindern, daß die Gäste allzuviel miteinander reden. Zuviel Gerede stört das Zurruhekommen der ohnehin schon nervösen westlichen Gemüter nur. Etwa eine Stunde später kommt ein Therapeut zu mir und deutet an, daß ich die Massage bereits jetzt bekommen könnte. Das gefällt mir und ich bereite mich vor, ziehe den Bademantel über und nehme meine Öle mit. Das Öl bekommt jeder Gast mit aufs Zimmer.

Der Behandlungsraum ist schlicht. In der Mitte der große Tisch aus Asna-Holz, der aus einem Stück gefertigt wird. Dem Holz wird eine stark heilende Wirkung nachgesagt. Auf einem Sockel eine kleine Ganesha-Statue. Der elefantenköpfige Gott verkörpert die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden und Gesundheit zu bringen. Eine Lampe mit Butterfett beleuchtet ihn.

Ich bekomme ein Tuch um die Lenden, das wie ein Tanga geschnürt wird und darf mich auf den Tisch setzen und die Beine baumeln lassen. How are you today, Sir? Did you sleep well? Ein Therapeut beginnt mit einem kleinen Gebet zu Dhanvantari, dem Gott des Ayurveda. Und danach mit der Kopf- und Gesichtsmassage. Er verwendet ein nervenberuhigendes Öl. Der zweite Therapeut wendet sich mit einer vorbereitenden Massage dem Rücken und den Seiten zu. Nach gut fünf Minuten werde ich auf den Tisch gelegt und für die Abhyanga positioniert. Ein kleines Polster unter den Kopf und je eines unter die Ellenbogen, weil sonst die Knochen der Gelenke unter dem Massagedruck schmerzen.

Die Vorderseite wird synchron massiert, also vierhändig. Erst der Oberkörper, später die Beine. Das Öl ist angenehm warm. Die jungen Männer fragen, ob der Massagedruck so in Ordnung sei. Für mich ist ein kräftiger Druck angenehm und sinnvoll. In Deutschland versuchen wir meist, Ruhe und Entspannung zu vermitteln. Im Ayurveda wird der Körper regelrecht geweckt, um die in ihm wohnenden Störenfriede aufzuscheuchen und zu beseitigen. Es ist jedoch absolut entspannend für mich. Nach etwa 20 Minuten werde ich vorsichtig umgedreht. Es ist natürlich total glitschig vom Öl und ich denke grad an Ölsardinen. In der Bauchlage bekomme ich Pölsterchen unter die Knie und dann gehr es auch hier in langen, festen Strichen weiter.

Soviele Inder, wie ich kenne, soviele Arten von Abhyanga kenne ich auch. Der Sinn dieser Massage besteht darin, die Körperstruktur zu festigen, die Nervengewebe zu nähren und zu beruhigen und den Kreislauf zu fördern. Dabei werden Öle verwendet, die auf die Konstitution des Gastes abgestimmt sind und dem Ziel der Behandlung folgen.  Die Therapeuten sind sehr jung, dafür bestens ausgebildet. Qualität wird hier vom Arzt persönlich kontrolliert. Und die Masseure sind höchst aufmerksam. Immer ist eine Hand für mich bereit, falls ich ausrutsche, immer ist ihr wacher Blick auf mich gerichtet und beobachtet, ob es mir gut geht. Als ich einmal das Gesicht verzog, gab der dritte Mann im Raum, der Therapieleiter, sofort eine kurze, leise Anweisung und ich wurde an dem entsprechenden Gelenk etwas milder massiert.

Die Rückseite ist fertig massiert und ich werde noch einmal umgedreht zu einem abschließenden Ausstreichen. Sitzend wird dann der Nacken massiert und die einzelnen Wirbel mobilisiert. Nachdem die Ölfüße getrocknet wurden, bringt man mich in die Dusche. Der Lendenschurz kommt weg, ich sitze auf einem Hocker und aus einem 20-Liter-Eimer werden Schöpfbecher mit warmem Wasser über mich gegossen. Der Therapeut macht das alles selbst. Deshalb auch der Eimer und keine Dusche, sonst wird er ja naß und überhaupt. Das überschüssige Öl ist abgespült und ich werde mit Green-Gram eingerieben. Das ist ein Pulver aus einer Art getrockneter, grüner Erbsen, das mit Wasser angesetzt wird und nunmehr aus den Poren das Öl aufnimmt. Zugleich entsteht ein peelender Effekt, der die Zellerneuerung anregt. Ich sehe aus wie ein nacktes Marsmännchen. Doch auch dieser Eindruck wird schnell mit Wasser von mir gespült. Eigentlich soll ich jetzt abgeseift werden, doch ich verzichte gern darauf, ich fühle mich sehr gut so. Sogar das Abtrocknen lassen sich die Therapeuten hier nicht nehmen. Ich soll bitte nichts tun. Als ich wieder den Bademantel an habe, darf ich mich noch einmal setzen und bekomme ein Pulver am Scheitel in die Kopfhaut eingerieben. Rasnadi heißt es und soll verhindern, daß das im Moment etwas gestörte Körpergleichgewicht Krankheiten, vor allem Erkältungen, hereinlassen kann.

Und dann ist die schöne Stunde um, ich werde zum Zimmer begleitet, das Öl wird abgestellt und ich lege mich zur Nachruhe eine halbe Stunde aufs Bett. Was für ein göttliches Gefühl! Bist du ölich, bist du fröhlich…

 

 

Hildegard und Indien

Ayurveda – für jeden von uns verbindet sich etwas mit diesem Begriff. Was es wirklich ist, erfahre ich nicht zuletzt auch während dieser Kur.

Es ist die älteste schriftlich fixierte Naturheilkunst der Welt und begann vor mehr als viertausend Jahren in Indien. Die gute Hildegard von Bingen hat vor rund tausend Jahren etwas ähnliches gemacht. Sie hat die Menschen als individuell verschieden erkannt und vergleichbare Typen wie im Ayurveda festgestellt. Heute sagen wir Bioenergien dazu. Sind sie aus dem Gleichgewicht, meldet der Körper das über Symptome.

Meine Konsultation dauerte  zwei Stunden, um die Zusammenhänge zu erkennen und auf die Ursache zu kommen. Dabei spielen auch Faktoren wie der Lebensstil, das soziale Umfeld oder die Ernährung eine sehr wichtige Rolle.

Hier im Ressort sind ein Krebspatient, einer mit Diabetes, eine Frau mit Osteoartritis, eine mit Gelenkrheuma, eine mit Pankreatitis, weitere mit Verdauungs- oder Schlafproblemen und Gelenksbeschwerden. Ayurveda ist in erster Linie zur Erhaltung der Gesundheit und eines langen Lebens da, jedoch auch, um Gesundheit wieder herzustellen.

In meinem Falle gibt es einen richtigen Plan für die Kur, der nach mehreren Gesprächen und der aktuellen Befindlichkeit aktualisiert wurde. Und vor vier Jahren war hier ein Swami, ein Mönch und Meister, der sich praktisch „verjüngen“ ließ. Wie das geht? Das stand in der Presse, wurde im Fernsehen reportet und – demnächst hier an dieser Stelle beschrieben.

 

 

Swami

 

In Chennai gibt es den Vishnu Devananda Ashram. Man findet ihn auch im Internet. Swami Mahadevananda, der Leiter dieses Yogahauses, war zu jener Zeit 62 Jahre alt, hatte ein stattliches Bäuchlein und Diabetes, die Blutwerte waren böse und es sollte etwas getan werden.

Es ging darum, daß die Nahrung komplett und in bester Qualität von einem Gewebe zur nächsten, höheren Struktur kommen und so dem Körper nützen kann. Dazu wurden erst einmal die Gewebe in ihrer Reihenfolge behandelt. Der  Verdauungsprozeß wird sicher gestellt, danach das aus der Nahrung gebildete Plasma, das Muskelgewebe und so fort. Reinigung, Purifikation und dann Stabilisierung. Das Ganze dauerte rund fünf Monate! Danach kam Swamiji in eine Hütte, Kuti genannt, wo er 41 Tage entspannen durfte. Meditation, Yoga, Stille, ein wenig entspannende Musik, keinerlei Einfluß von außen, versorgt mit der nötigsten, auf die Stärkung des Körpers abgestimmten Diät und betreut von einem Arzt.

Nach diesem halben Jahr wurden seine Werte mit den vorherigen verglichen. Er hatte von 104 auf 87 Kilo abgenommen, der Diabetes war austherapiert und einige Blutwerte wiesen bemerkenswerte Veränderungen auf. Unter anderem war sein Blut nicht mehr so „klumpig“ wie zuvor (Säurestarre), sondern von feinster Viskosität, und sein Testosteronwert war rapide gestiegen, die vormals graue Brustbehaarung war wieder dunkel. Das alles ist dokumentiert und nachvollziehbar. Seine Leistungsfähigkeit hat sich damit sehr verändert und die Zellregeneration hält ihn nun auch im Älterwerden stabil gesund.

Diese Kur heißt Rasayana und die Nachbehandlung Kuti Praveshika. Auch meine Kur ist ein Rasayana, jedoch natürlich nicht in dieser Tiefe. Ich bin ja auch kein Swami. Doch wenn mich der Arzt für geeignet hält, werde ich mich auf diese Behandlung ebenfalls vorbereiten. Das ist dann schon wieder ein Teil des persönlichen, spirituellen Weges…

 

 

 

Was die mit einem alles machen…

 

Am ersten Tag hier legte Dr. Chacko für diese Woche fest, daß ich Abhyanga, also Ölmassagen, bekomme. Ich zeigte ihm meinen etwas ramponiert aussehenden Zehennagel. Kann man da was machen? Ja, es ist eine Folge von zu viel Hitze. Pitta heißt diese Energie. Daher auch das mit der Nase morgens. Es wäre auf diese Art eine Gefahr für mein Herz, schon mein Vater hatte Angina Pectoris. Keine Sorge, das geht zu regulieren, sagt der Arzt. Und dann die Augen. Ich brauche immernoch keine Brille und möchte das solange wie möglich erhalten. Er willigt ein und stellt die Behandlung ab kommenden Sonntag um. Ich werde tagelang Akshi Tarpana, ein Augenbad mit Butterfett (Vitamin A und kühlend) bekommen. Dazu liegt man auf dem Rücken und die Augen werden von einem Deich, einem Wall aus Kichererbsenteig umgeben. Da hinein kommt das warme Butterfett, Ghee, und man blinzelt so durch die trübe Brühe nach oben zum Licht. Anschließend habe ich leider Stubenarrest, weil die Äuglein dann sehr lichtempfindlich sind. Nicht lesen, nicht zum PC, nur ruhen. Sechs Tage lang, wenn ich es recht verstanden habe. Parallel dazu bekomme ich so eine Art Nasen-Einlauf. Öl wird dazu in die Nase eingeschnüffelt, sagen wir 8 Tropfen je Öffnung. Und während ich so liege, löst das Öl allen Schleim in den Nebenhöhlen. Wenn ich dann aufstehe, fließt alles ab, oder ganz genau gesagt, ich darf mich richtig ausrotzen. Rotzbengel. Die Wirkung ist ein klarer Kopf, also viel mehr Konzentration, und wer unter Kopfschmerz, Sinusitis, Tinnitus oder anderen Beschwerden am oder im Kopf leidet, wird hier erleichtert.  Morgen erzähle ich über den nächsten Teil der Behandlungen, die auf mich warten.

 

 

Was die mit einem alles machen – Fortsetzung

 

Zuvor werde ich gründlich „entleert“. Ich bekomme unter anderem täglich eine Medizin auf der Basis von diesem Butterfett. Die Medizin ist für die „Löwenkraft“ und zusammen mit der ölenden Massage für das Lösen der toxinen Rückstände von den Geweben. Durch das Fett werden dabei die gelösten Bestandteile in den Hohlorganen gesammelt und wohl am Montag ausgeleitet. Das geht schnell und ist nicht unangenehm. Auch die Medizin geht so. Eine davon ist etwas bitter, das Ghee ist süßlich und dann gibt es da noch das Allerleckerste – ein Likörchen! Das sind vergorene Kräuter. Ich bin ja nun Alkohol nicht gewöhnt und das Tröpfchen hat bestimmt mehr als fünf Prozent, jedenfalls merke ich hinterher ganz gut, wie es mir im Kopf trieselt. Es schmeckt jedenfalls am besten von allem und ich hab den Arzt schon gefragt, welche Krankheit man haben muß, um damit behandelt zu werden…

Auf meinem Plan steht dann noch der Einlauf, eine Woche lang täglich. Brrrr! Is nich so meins. Aber egal, es ist für die mentale Stabilität. Damit ich mal ein Swami werde? Auch die Massage mit Reisbeuteln und der Stirnölguß, Shirodhara, gehören dazu. Darauf bin ich am meisten gespannt und wie es auf meinen sehr aktiven Geist wirken wird.

Ja, abnehmen werde ich auch. Obwohl ich da zufrieden bin, 79 Kilo bei  1,76 Größe. Ich denke, acht Kilo werden es hier und drei kommen wieder rauf. Zum Schluß gibt es dann hier Schonung, Massagen und Regeneration des Körpers. Ich werde eine Auswahl an Kräutern und Ölen bekommen, um diesen dann noch mehrere Monate dauernden Prozeß der weiteren Verbesserung begleiten zu können.

Nur meine Schwester wird traurig sein, weil ich dann ihren leckeren Marmorkuchen verschmähe. Denn ich bleibe bei dieser Ernährung aus leichter Kost zu regelmäßigen Zeiten in sinnvollen Mengen. Es tut mir einfach gut und ich fühl mich wunderbar. Das soll auch so bleiben.

 

 

 

How are you today?

 

Die übliche Frage, die mir hier jeder stellt und die wohl den Arzt inhaltlich am meisten interessiert. Aber mal ehrlich – wie fühle ich mich?

Es ist der sechste Tag der Behandlungen. Ich war nicht sehr erschöpft, als ich die Reise antrat, nicht mental, aber körperlich schon. Was mich sehr belastet hat, waren die Bänder im Knie, die ich beim Radfahren überreizt hatte. Mir fiel das Sitzen für die Meditation recht schwer, seit letzten Oktober schon. Und das ist jetzt – weg! Meine Gelenke sind besser! Und damit gewinne ich viel an Beweglichkeit zurück. Ich komme sogar dem Lotussitz wieder näher.

Um die Augen herum sehe ich auch besser aus. So ein kleiner Hof war da schon. Der ist jetzt fast weg. Und dann fühle ich mich grad reichlich stark, voller Kraft. Das hat wohl auch mit der richtigen Ernährung zu tun. Ich fühle mich total satt, selten aber zu voll und esse weniger als die Hälfte von dem, was ich sonst zu mir nehme. Mein Gewicht bleibt bei 77 Kilo, doch das wird nachher noch ganz rapide fallen beim Ausleiten.

 Auch Yoga gibt mir natürlich viel Kraft. Wie das in der Tiefe hilft, was es bewirkt und vor allem, was es wirklich ist, das werde ich noch richtig genau erläutern. Die Gruppe aus Deutschland jedenfalls, die letzten Freitag nach drei Wochen Kur hier abreiste, hatte extra einen Yogalehrer bekommen, um auch mental entspannt nach Hause zu kommen. Meine Übungen hat mir Dr. Chacko genannt und ich mach das für mich allein.

Richtig schlimm aber ist der Bart. Wie ein Räuber sehe ich aus. Ich weiß nicht, was die mir ins Essen tun, aber das wuchert enorm. Sowas hatte ich noch nie. Das muß diese Löwen-Medizin sein. Während der Kur soll kein Haarschnitt und keine Rasur erfolgen. Der Körper benötigt alle Kraft für die starken Prozesse im Innern. Würde ich mich beim Rasieren schneiden, wäre die Heilung der  Wunde eine Veränderung der Körperprozesse.

Meine Haut ist seidig-glatt, die Muskeln schön locker. Täglich Öl, Massage und Peeling machen schon viel aus. Und grad höre ich von draußen den Ruf „Mister Pietr, please…!“ Oh ja, sehr gerne!! Ich erzähle später weiter.

 

 

 

Yoga, Joghurt und Zorbas the Buddha

 

Daß es zusammen gehört, wissen nur wenige. Doch mit Yoga lassen sich ayurvedische Behandlungen sehr gut unterstützen und manchmal auch alleinig kurieren. Der Witz ist: Hier in Indien macht kaum einer Yoga! Oder meditiert. Hinduistische Rituale und eine Guru-Parampara sind im Alltag überall zu finden, doch Yoga? Eher in den Ashrams und mehr für die Eingeweihten. Gestern sah ich in der Zeitung einen Bericht zu diesem Thema, fast schon wie bei uns, wo es exotisch angehaucht präsentiert wird.

Doch egal wo auf der Welt, wir zelebrieren die artistisch anmutenden Positionen, die Asana heißen. Sicher ist das auch schon Yoga und die Wirkungen auf den Körper sind da. Auf muskulärer Ebene, als Dehnungen und Kräftigungen, und auch auf die Organe wirken die Übungen. Für die Verdauung, zur Leberreinigung, gegen PMS, Kopfschmerzen und sehr viel mehr. Das ist ein Nebeneffekt, der gezielt genutzt wird.

Ursprünglich ging es vor 5000 Jahren darum, wie sich der Geist beruhigen läßt. Die Antwort war: Durch Atemtechniken und Meditation. Das weiß heute jeder Arzt, daß da ein Zusammenhang zwischen der Atmung und dem Sympathikus besteht. So lehrte man auch damals in Indien, daß die Gedanken zur Ruhe kommen, wenn der Atem kontrolliert wird. Und das machte man sitzend, wo schon bald die Knie und der Rücken schmerzen und man nur noch hofft, daß es bald vorbei ist mit der Übung. Wenn die Gedanken derart abgelenkt sind, macht das Üben keinen Sinn. Also begann man, den Körper mit Flexibilitätsübungen elastischer zu machen. Das war der Beginn des Hatha Yoga, des Yoga der Körperkontrolle. Wieviele Übungen daraus kennen wir noch aus dem Schulsport, die Kerze, den Kopfstand und mehr.

Heute ist Yoga eher durch den körperlichen Aspekt bekannt. Das ist ebenfalls gut. Seine Wirkung erfährt man auf diese Art auch. Manche Abarten davon werden in Fitneß-Studios unterrichtet, das habe ich selbst auch getan, doch das hat für mich weniger mit Yoga zu tun, es ist eher Gymnastik. Ich nenne es Joghurt statt Yoga.

An sich ist Yoga mit seinem Ziel, die Gedanken zu beruhigen und dem Geist Frieden zu bringen, die älteste Form der Psychotherapie. In einer der Urschriften erklärte Patanjali vor 2500 Jahren ganz genau, wie der Geist funktioniert, warum er unzufrieden ist und was zu tun ist, um Klarheit reinzubringen. Wenn Dr. Chacko hier dem Yogalehrer die Übungen für die einzelnen Patienten nennt, dann ist das ein kurzes Programm von vielleicht 20 Minuten und besteht aus etwa drei oder vier Übungen.

Die völlig spirituell Versenkten suchen auf diesem Wege die Erleuchtung, die Befreiung. Der Event-Yogi sucht einen Kick und den gibt es durchaus. Der Mittelweg wäre, wie Zorbas the Buddha zu leben. So nannte es ein Inder der Neuzeit. Genieße das Leben, doch nimm es nicht zu ernst, bleib in deiner Mitte mit dem Blick für die Blumen am Wegrand. Meditiere und trink deinen Wein. Das klingt versöhnlich.

 

Das Ressort

 

Die Landschaft ist eher trocken. Die Luft ist gut, besonders für Atemwegskrankheiten. Es sind knapp 40 Grad, doch das ist nicht so zu spüren. Rund 20 km von Coimbatore entfernt liegt das Ressort am Fuß eines Gebirges. Die umliegenden Berge sind grün bewachsen mit Bäumen und Sträuchern. Obenauf ragen Felsspitzen. Dort im Gebirge soll es Elefanten geben. Es ist kein Regenwald und so gibt es auch kaum Insekten.

Ein paar hundert Meter von der Straße entfernt liegt das Gelände inmitten von Bäumen, die einen großen Park bilden. Zwölf Häuser bilden einen Viertelkreis um den Park. Ihre Form ist ein Brotlaib. Der fünf Meter breite Giebel mit dem Eingang zeigt zum Park hin. In diesen Häusern sind das Büro, die Apotheke, Küche und Kantine, Schlafräume der Therapeuten und der Schüler, die nebenan unterrichtet werden.

Das Therapie- und Gästehaus begrenzt den Park im Norden. Es ist rechteckig und sein Innenhof ist vielleicht zehn mal zwölf Meter groß. Über den Wandelgang erreicht man die Räume. Auf jeder der beiden Etagen befinden sich zwei Therapieräume. So können genau 24 Gäste behandelt werden und genauso viele Zimmer gibt es auch.

Der Gang und die Zimmer sind ganz hell gefliest. In den Räumen stehen jeweils zwei Betten, ein Schreibtisch und ein Metallschrank mit Safe, eine Ecke hat ein Waschbecken und ein Sideboard, daneben sind Dusche und WC. Alles sehr großzügig vom Platz her. Die Fenster gehen zum Hof und zur anderen Seite hin. An der Decke der Ventilator, der für etwas kühlende Luftbewegung sorgt. Er steht öfter einmal still, weil der Strom nicht kontinuierlich fließt. In dem Moment ist auch die Email weg, weil der PC aus geht.

Jeden Tag wird sauber gemacht, alle drei Tage frische Bettwäsche aufgezogen. Das Essen wird ganz frisch und ohne Hektik zubereitet und vor der Tür im Wandelgang abgestellt. Zuvor wird draußen von einem Wachposten die Glocke geschlagen. Wecken. Frühstück. Mittag. Abendessen. Ja, das Ressort ist bewacht, um den Gästen Schutz zu geben vor Bettlern. Drei Posten sind rund um die Uhr da. Und zwei Wachhunde.

Das Personal ist sehr bemüht um die Gäste. Allein ein suchender Blick genügt, und sie kommen lächelnd her und helfen. Aufmerksam, achtsam und freundlich.

Manches ist unperfekt und damit wiederum erfrischend lebendig. Doch die Behandlungen sind Spitzenklasse! Das gesamte Ambiente ist einzigartig…

 

 

 

Hilfe! Ich wachse zu!

 

Noch nie im Leben hatte ich einen Bart und dachte immer, ich sei eher ein Indianer. Das kratzt und juckt im Gesicht und nach dem Naseschnauben muß ich nun auch im Spiegel nachsehen, ob da irgendwelche Reste im Fell hängen geblieben sind. Wozu liegt eigentlich mein Rasierer hier rum…?

Oh, es gibt noch mehr Veränderungen! Mein Zeh entwickelt sich. Ein neuer Nagel kann bald nachwachsen, der alte geht nun weg. Aber das Beste ist – ich kann fast schon wieder Bogenlampen pinkeln. Pardon, ich weiß, das Thema ist heikel und man spricht nicht drüber. Meine Gelassenheit erlaubt es mir. Es ist befreiend und als Mann fühlst du dich da regelrecht angehoben.

Und dann ist da noch diese Kraft, die ich spüre. Natürlich bin ich erholt. Doch die Anwendungen sind auch anstrengend. Ich halte mich strikt an alle Anweisungen, liege viel rum, bleibe im oder am Haus im kühlen Schatten, esse nur die Anstaltskost und stresse mich nicht. Ohne zu klagen esse ich, was mir vorgesetzt wird und denke nicht nach, ob ich jetzt lieber einen Oolong-Tee und ein Stück Marmorkuchen hätte. Ich merke nur, daß das eine lecker schmeckt und macht, daß man z.B. nicht richtig pieseln kann, und daß das andere nicht so freiwillig die erste Wahl ist, doch der Organismus dankbar reagiert.

Ach ja, auch das noch: Ich sitze früh bereits im halben Lotus, ohne Schmerz und Anstrengung. Für meine Lebensweise ist das einfach mal sehr praktisch und hilfreich. Die Gelenkigkeit ist größer geworden. Und ich bin jetzt bei 76 Kilo von vormals 79. Zuviel darf auch nicht weg, mein Gewebe ist der Schutz für meine Nervenkraft, um die mich schon manche beneidet haben.

In so kurzer Zeit soviele Veränderungen, das gefällt mir. Zu den äußerlichen kommen ja noch die inneren Prozesse. Das möchte ich gern noch etwas ausführlicher beleuchten. Und nun beginnt auch der nächste Abschnitt der Behandlungen, der königliche Ölguß und der Stirnölguß. Und das ist das Thema meiner nächsten Tagebuchseite.

 

 

Königsmacher

 

Das sind sie wirklich, diese demutsvollen Therapeuten, die mir alle Wünsche von den Augen ablesen wollen. Sie lassen mich König sein.

Pizzichil heißt diese Anwendung, königlicher Guß. Ein Pott mit sehr warmem Öl, über Körpertemperatur, steht am Fußende des Holztisches. Jeder der beiden Masseure hat einen kleinen Lappen in der Hand, den er dort eintaucht. Mit leichtem Druck läßt er das aufgesaugte Öl über den Daumen auf meinen Körper und besonders über die Gelenke laufen. Fast heiß ist es. Mit der anderen Hand massiert er das Öl und die Wärme hinein.

Zugleich läuft über meine Stirn relativ kühles Öl. Meine Hitze soll etwas gemindert werden. Um die Stirn habe ich einen Leinenenstreifen, damit die Augen geschützt bleiben. Sie sind zusätzlich mit Pads abgedeckt.

Das ablaufende Öl wird am Kopf- und am Fußende jeweils aufgefangen. Da ist eine Öffnung drin und darunter steht ein Pott. Dasselbe Öl wird dann wieder erwärmt bzw. für den Stirnguß – Shirodhara -genauso genauso weiter verwendet.

Auch hier bekomme ich zuvor die Kopf- und Gesichtsmassage und nachher die Reinigung mit Wasser und Erbsenmehl. Am Ende wieder das Rasnadipulver, das auf dem mittlerweile behaarten Kopf in den Scheitel eingerieben wird. Ein Therapeut begleitet mich zum Zimmer, bringt die Öle mit und paßt auf, daß ich gerade Laufe nach der anstrengenden Behandlung. Ich lege mich auch immer gleich aufs Bett danach, lasse dem Körper eine Stunde Pause.

Die Pause geht solange, bis es an der Tür klopft. Und dann ein langer, weißer Bart vor mir steht und mein ganzes Tagesprogramm verändert. Soll ich erzählen? Mach ich…

 

 

Methusalem im Garten Eden

 

Irgendwann letzte Woche war hier ein bärtiger Amerikaner zu Besuch. Er scheint hier regelmäßig her zu kommen. Weiß gewandet wie manche Inder. Auch Brahmanen gehen oft so. Und da dieser Campus eine kleine Familie ist, weiß jeder vom andern, so daß Stan direkt zu mir kam und mich einlud „Peter, wir haben etwa fünf Meilen von hier einen Ashram und ein Krankenhaus mit großem Garten für Heilkräuter. Magst du uns besuchen?“ Zwei Tage später stand dann Swami Ramanji vor mir, um mich abzuholen. Eigentlich war ich noch auf etwas Ruhe nach der Behandlung vorbereitet. Doch seine Präsenz lies die Dinge einfach in Gang kommen.

Als ich ihn so sah, dachte ich spontan: Methusalem! Wegen des langen, weißen Bartes. Sowas hab ich noch nicht gesehen. Schneeweiß, bis zum Bauch, dabei ganz fein spitz zulaufend. Und ein paar ganz wenige schwarze Haare mittendrin. Ein imposanter Inder ganz in weißen Tüchern, auf der Stirn ein traditionelles Farbmotiv. Das Gesicht wird von kräftigen Lippen und ausdruckstarken Augen bestimmt. Ein Macher, ein Mensch mit Ideen. Wir fahren durch die Berge und er zeigt mir seinen Garten. Zum ersten Mal sehe ich die Heilpflanzen, die ich schon oft verwendet habe, an ihrem Ursprung. Knapp zehntausend Quadratmeter voller Gesundheit. Gegen Diabetes, Herz- und Leberbeschwerden, Hautkrankheiten und vieles mehr. Pharmakonzerne kaufen hier ein. Auch mein Campus bezieht einige Kräuter von hier.

Der Garten gehört zu einem Krankenhaus, dessen Direktor mir den Komplex zeigt. Es sieht mehr wie ein Feriendomizil aus und das soll es auch. Alles ist für die Patienten kostenlos, wird von einer Stiftung mehrere anderer Einrichtungen finanziert. Das gehört in Indien zum Leben, einen Teil des Einkommens zu geben, um anderen zu helfen.

Im Ashram gibt es kostenlose Studien, drei Jahre lang. Vedanta heißt: Ende des Wissens. Mehr gibt es nicht zu wissen, alles ist gesagt und der Rest nur noch eine Kombination aller logischen Varianten daraus. Die Veden werden also gelehrt, um danach Lehrer zu werden oder Arzt. Die ganze Gesellschaft baut darauf auf, das gesamte Leben. Und wie ich es selbst erlebe, wie es auf mich wirkt, das versuche ich noch auszudrücken…

 

 

Indi-Pizza mit Emotionen

 

Das Essen ist einfach und schmeckt mir sehr. Besonders die Chapatis, das gesündeste Brot in Pizzaform. Ich wollte gern sehen und lernen, wie es gebacken wird und verabredete mich in der Küche. Abends dann erlebte ich die ganze Küchenarbeit. Keine großen Gerätschaften, viel Platz, zwei Gas-Flammen. Eine Frau und zwei Männer kochen hier für uns. Und weil das nur zwei Flammen sind, sind hier Logik und Schnelligkeit gefragt. Was für ein Unterschied: Während sich am Tag in der Hitze hier jeder gemächlich bewegt, sind die Köche die reinsten Wirbelwinde. Zackzackzack ist der Teig fertig, zu einer Rolle geformt, in Scheiben portioniert und ausgewalzt. Schwapp, liegt so ein Teil vor mir, dazu eine Walze, Los, mach mit! Seine Augen lachen und wir walzen um die Wette.

Es ist diese wunderbar wohltuende Nähe, die mir die Inder vermitteln. Ich fühle mich bei ihnen zuhause, weil sie nicht fragen, keine Grenzen zeigen, sondern uns einbeziehen. Es gehört hier zum Leben, jeden und alles so anzunehmen, wie es ist. Das ist es, was ich wissen möchte. Welche Denkweise steckt dahinter? Sie schauen oft so ernst. Ein Gast hier meinte, richtig glücklich sähen sie nicht aus. Doch sobald du einen ansprichst oder grüßt, wendet er sich dir zu, ist ganz für dich da, geduldig, lachend, freundlich.

Dennoch gibt es ein Kastensystem. Sehr streng!! Sijo, der junge Mensch hier an der Rezeption, zeigt stolz und frohlockend auf eine sehr hübsche Therapeutin „Sie ist in meiner Kaste, ich werde Vater bitten, etwas zu arrangieren.“. Nur so geht das hier. Jeder nimmt seinen Platz so an, wird da hineingeboren und es ist sein Karma. Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung.

Mir wurde hier etwas erzählt, was sich im vorigen Jahr ein paar Meilen entfernt in der Gegend ereignet hat. Wie Weisheit und Können das Leben anderer über Kastenschranken hinweg gerettet hat…

 

 

Der Unberührbare

 

In einer Familie hier in der Nähe war die Frau seit fast einem Jahr schwer erkrankt. Trotz westlicher Medizin nahm sie immer mehr ab. Nichts half ihr. Der Mann machte sich schwere Sorgen und lies nach Lösungen suchen. Jemand erzählte ihm von einem sehr weisen, alten Heiler, der schon viel kompliziertere Krankheiten kuriert hätte. Es stellte sich heraus, daß dieser Heiler aus einer sehr niedrigen Kaste kommt, während diese Familie genau am entgegengesetzten Ende dieses Kastensystems in hohem Ansehen residiert. Der Mann lehnte somit die Behandlung ab. Und seiner Frau ging es von Tag zu Tag schlechter, bis er dann doch meinte, man solle den Heiler holen. Jedoch durfte er nur bis zur Tür des Wohnsitzes und diese Schwelle nicht übertreten. Aber wie sollte er da der Frau helfen können? Ratlosigkeit. Bis der Heiler meinte: Bringt mir eine lange Schnur, bindet sie um das Handgelenk der Frau und bringt das andere Ende zu mir nach draußen.

Es gelang dem Heiler, über diese Schnur den Puls der Patientin zu ertasten, seine Schlußfolgerung zu ziehen und entsprechende Kräuter zu empfehlen. Nach fünf Wochen war die Frau restlos gesund. Diese Aktion sprach sich hier überall rum und kam einigen Ärzten zu Ohren. Sie luden den Mann ein und baten ihn, das nochmal vorzuführen. Es gab mehrere Tests, die immer wieder exakt zum richtigen Ergebnis führten. Als man das Ende der Schnur dann um den Fuß eines Schreibtisches band, konstatierte der Heiler: Diesem Patienten können wir leider nicht mehr helfen, er ist bereits tot.

Zwei Ärzte vom Campus hier waren dabei und haben diese wundersame Sache berichtet. Indien ist voll davon. Für uns klingt es märchenhaft, unglaublich, und doch ist es wie mit der Hummel: Eigentlich, physikalisch berechnet, sind die Flügel viel zu klein für ihr Gewicht und sie kann gar nicht fliegen…

 

 

Ölscheich

 

Seit Tagen werde ich nun geölt. Die Abhyanga geht eine volle Woche lang. Macht die Gewebe weich, löst Verklebungen, Ablagerungen und entspannt mich natürlich sehr. Die Therapeuten greifen fest zu, jedoch nicht hart. Hart ist nur der Holztisch. Da liege ich also auf dem reinen Asna-Holz, kein Tuch drunter, nix. Nur zwei kleine Lappen für meine Ellenbogen.

Nach einer Stunde ist die Massage zu Ende. Ausruhen. Ich werde immer von jemandem umsorgt dabei, zum Zimmer begleitet, meine Öle darf ich gar nicht selber tragen, alles wird regelrecht angedient. In einer freundlichen Selbstverständlichkeit, die zu Herzen geht. Da ist nichts unterwürfiges, keine andere Regung als nur die Botschaft: Du bist mein Gast und sollst dich wohl fühlen.

Wie man sich da wohl fühlt, wenn man noch dazu so viele Wochen frei hat…

Am besten soll ich möglichst nur einmal am Tag für etwa eine Stunde draußen spazieren. Abends, wenn es etwas abkühlt, die Sonne nicht mehr so intensiv ist. Auch Besuche in der Stadt sollen nicht so oft sein, weil das Gerumpel hier auf den Wegen den Körper doch erheblich schüttelt, belastet und damit den Erholungsprozeß unterbricht. Bisher war nur zweimal in der Woche in Coimbatore. Und so schön ist es dort auch nicht.

Eine neue Behandlung beginnt nun. Der nächste Schritt. Und ich werde gefüttert. Über die Haut. Mit Reis. Und das geht so…

 

 

 

Urknall

Fr., 13.3.

 

Der Wald ist explodiert! Mehrmals. Schon vorgestern gab es nachmittags etwas Regen. Willkommene Abkühlung. Ich kann immernoch im kurzen Hemd sitzen, es ist warm genug, vielleicht 27 Grad.

Gestern Abend nun war die Versammlung der Wolken vollständig. Die Berge bilden hier ein weites Halbrund und das füllten sie jetzt aus. Satt, dunkel, prall – und da, ein Vorhang aus Blitzen geht auf und ein mehrstündiges Gewitter dominiert selbst Strom und Telefon. Der Boden atmet tief durch, sein satter Lehmduft schwebt fruchtbar durch Wald und Campus.

Die ganze Nacht hat es sich ausgetobt und entspannter, leichter, warmer Regen eröffnet den Tag. Mit einer zweiten Explosion. Planschparties an jeder Pfütze, die Vögel jubeln wie zu einem Fest, aus den Bäumen kommt das Echo der anderen, die wohl grad noch ihr Badehandtuch suchen… Im Vergleich zu den trockenen, sonnigen 38-Grad-Tagen ist das jetzt ausgelassene Volksfeststimmung.

Vom winterlichen Deutschland hier her zu kommen, hat mein Organismus als angenehm empfunden. Grad einen Tag war ich müde von der Reise, danach spürte ich, daß sich die Poren öffnen. Der Zeitpunkt ist gut. Am Ende der Kur gehe ich in den Frühling nach Hause, auch hier ist der Temperaturwechsel angenehm. Alle diese Aspekte beeinflussen ja auch das Resultat der Kur. Und das soll doch für ein ganzes Jahr weiter wirken.

Aber es gibt bereits jetzt eine Wirkung der Kur, die so irre ist, daß ich dafür etwas mehr Platz zum Beschreiben brauche…

 

Reis macht weise

 

Reis. Jeden Tag Reis. Als kleine, gegarte Bällchen aus Reismehl, als Beilage, fast immer gibt es Reis. Abends nicht. Da gibt es nur Suppe und ein Becherchen mit einer Paste aus geriebenem Ingwer mit etwas Knobi und Maismehl mit Kokosmilch, dazu zwei Chapatis, Weizenfladen. Morgens so ähnlich, mal mit Reisbällchen oder Chapatis. Mittags gibt es ein Curry, eine Art Gemüsesuppe, viel Reis, Fladen, Gemüsesuppe.

Alles in allem habe ich mal über die Portionen nachgedacht: Es ist nicht mehr, als in beide Hände paßt. Und manchen Tag esse ich zuhause zum Frühstück um elf beinahe die Menge, die ich hier über den Tag verteilt bekomme. Mein Stoffwechsel ist wohl wie beim Rind, ich bin sonst auch dreimal am Tag zum WC. Das reduziert sich jetzt erheblich, ich geh nur noch einmal, ja logisch, wenn nichts rein geht…

Ich bin auch nicht wirklich hungrig, obwohl – Können könnte ich mitunter schon. Mein Gewicht steht konstant bei 76 Kilo und ich beobachte nur, wie am Bauch etwas Speck weg geht. Keine Schokolade, kein Kuchen, den ich Süßmaul täglich genascht habe, keine Butter und kaum Fett. Mir ist das Gewicht auch egal, weil ich mich total gut fühle und etwas Gewebe auch noch bleiben muß. Außerdem habe ich mir eine gute Hose gekauft und die soll ja dann auch noch passen.

Aber: Mein Geist ist frei! Mir ist es, als wären meine Gedanken klar wie ein Gebirgsbach. Ich bin hellwach, aufgeräumt und ohne jede Schwere im Geist. Das hat damit zu tun, daß der Verdauungsprozeß nicht mehr das ganze Blut im Bauch konzentriert. Es kann zum Kopf. Doch wie sich das anfühlt, diese Präsenz in jeder Sekunde, das ist wie ein Rausch.

Oder machen die da doch noch irgendwas ins Essen…

 

Wie Verjüngung funktioniert

 

Der dritte Teil der Behandlung läuft nun. Ablagerungen sind gelöst, die Gewebe sind locker, jetzt werden sie gefestigt. Ziel dieses Prozesses ist es, das Nervengewebe zu stärken. Die Dicken sind bekanntlich gemütlicher, und das hat seine Logik im Ayurveda, weil eine kompakte Gewebsstruktur die Nerven bestens versorgen kann. Und das schützt vor Krankheiten, die oft mit emotionaler und mentaler Unausgewogenheit einher gehen.

Navara ist ein rötlicher Reis, der nach 60 Tagen reif ist. Er wird ganz weich gekocht und dann in Leinentüchern zu faustgroßen Beuteln, den Bolis, gewickelt. Vier Stück brauchen wir. Nach der Kopfmassage bekomme ich eine kurze Abhyanga und dann geht es in der Rückenlage los. Die Bolis werden in einen Sud aus Milch und Kräutern erhitzt, daß ich sie grad noch so ertragen kann. Durch die Massagestriche werden sie so gedrückt, daß der Reisschleim über meine Haut quillt. Die Haut nimmt diese Nahrung nun auf. So wirken ja auch Salben.

Nach der Massage der anderen Seite bin ich total bematscht, alles klebt von weißer Pampe. Ich werde abgespült, gereinigt und später wieder zur Nachruhe begleitet. Und die brauche ich auch, denn die Behandlung ist jetzt doch etwas anstrengend.  Dafür ist die Haut wie Samt!

Und nun habe ich einen kosmetischen Selbstversuch gestartet. Schönheit kommt zwar von innen, aber bissel eitel bin ich auch und ich habe hier was entdeckt, das enorm wirkt. Morgen mehr, ja?

 

Hupen, Sex und viel Verkehr

 

Komm mach Platz – Hej, ich komme – Siehst du, daß ich auch hier bin – Jaja, keine Panik – Was soll denn das – Guten Morgen… Hupen ist eine Sprache für sich und kann so vieles bedeuten. Dabei verzieht sich die Miene des Fahrers kein bißchen, als wäre er unbeteiligt und nur die Fahrzeuge redeten miteinander.

Ich mußte nochmal in die Stadt. Ein kühlerer Tag und der Arzt stimmte zu. Shopping. Mit dem Fahrer verabredete ich mich auf etwa zwei Stunden später und ging los. Es war schon eine Geschäftsstraße, Markengeschäfte, für Frauen, für Männer, jedes für sich. In Schmuckgeschäften stehen Posten mit Gewehren. Von einer Straßenseite auf die andere zu kommen, ist fast eine atemberaubende Reise. Irgendwann habe ich es dann geschafft. Und dabei bemerkt, daß zwar jeder hart um sein Vorrecht kämpft, jedoch nie jemanden verletzen würde.

Wenn ich ein Geschäft betrete, steht sofort jemand neben mir. Where are you from, Sir? Einfach so still für sich nur gucken, das gibt es hier nicht. Mitunter werde ich auch zugetextet über das wunderbare Produkt. Doch immer freundlich. Die gute Markenhose wurde mir im Handumdrehen gekürzt und im Bund verändert. Überall handle ich Prozente raus, doch nur symbolisch, um das Gesicht zu wahren.

Alle Frauen gehen traditionell gekleidet. Kein Wackelpo in knackigen Jeans, kein Dekolleté, nichts verrät etwas. Augen, Gesicht, Hände. Und niemand kommt wohl auch auf die Idee, etwas falsch zu deuten. Und doch sind sie schön und individuell, ihr Lächeln wirkt entspannt. Nirgends gibt es Zeitschriften mit obszönen Bildern, im Fernsehen ebenfalls eher leichte Kost. Ich empfinde es als angenehm. Jeder kann hier gut bei sich bleiben.

 


 

 

For ever young

 

Da sehe ich doch hier in der Pharmacy lauter Zeug stehen und frage mich so durch, als mir eine Gesichtsmaske in Pulverform gezeigt wird. Nach allem Hinterfragen und dem Okay vom Arzt hole ich mir die Zutaten. Ich will nur ausprobieren, nach welcher Zeit ein Resultat zu sehen ist. Und wenn das realistisch ist, bringe ich die Sachen natürlich mit nach Deutschland. Ich beginne mit der Gesichtsmassage und bereite die Packung vor.

Es sind drei Teile, das Pulver und zwei Öle. Das Pulver remineralisiert, die Öle bauen die Struktur auf. Ich rühre mir die Pampe an, schnupper, naja, geht. Wo hört mein Gesicht eigentlich auf? Die Packung bleibt für wenigstes 30 Minuten drauf, ab dem zweiten Tag gebe ich ihr zwei Stunden. Und fest wird das Zeug, da bröckelt nichts. Ich bin begeistert. Das Entfernen ist ohne Anfeuchten kaum möglich. Ein schönes Peeling. Die Haut fühlt sich warm an. Nun das Öl. Es ist ein hochkonzentriertes Safran-Öl und selbst hier in Indien erheblich teuer. Egal. Das zweite Öl hat eine ausgleichende Wirkung. Fünf Tropfen Safran, zehn von dem andern. Über Nacht lasse ich es wirken.

Ich suche nur wirkliche Veränderungen, die nicht durch meine Ausgeruhtheit bedingt sind. Da haben sich ein paar Falten etabliert, und denen drohe ich nun mit Kündigung. Und bin mal sehr gespannt!